Die Geschichte von Gaschurn und Partenen lässt sich an Sprache, Höfen und der Nutzung der Bergwiesen ablesen. Der Überblick führt von frühen Siedlungsspuren über die Walserzeit bis zu Maisäßwirtschaft und heutigen Bräuchen.
Frühzeitliche Erschließung und rätoromanische Wurzeln
Vor der dauerhaften Besiedlung diente das obere Montafon vor allem als sommerliches Weidegebiet für Hirten aus dem Walgau und dem rätischen Raum. Zahlreiche Orts-, Berg- und Flurnamen erinnern bis heute an die rätoromanische Sprachschicht:
- Gaschurn: Leitet sich vermutlich von rätoromanisch caschoune bzw. cas-charn ab, was auf einen Speicher, eine Sennhütte oder einen Heustadel hinweist.
- Partenen: Geht auf das rätoromanische Wort partena zurück, was eine Trennung, Weggabelung oder einen Grenzbereich beschreibt.
- Vermunt: Entspringt dem romanischen ver-munt (Hinter den Bergen / Weidegebiet).
- Vallüla: Verweist auf valiola, ein kleines Tal oder Gebirgseinschnitt.
- Tafamunt: Aus rätoromanisch tavau munt (unterhalb der Bergweide gelegen).
Die Walsereinwanderung im Spätmittelalter
Im 14. Jahrhundert wanderten deutschsprachige Walser aus dem Schweizer Kanton Wallis über die Alpenpässe in die Hochtäler Vorarlbergs ein. Während sie sich vor allem im benachbarten Kleinwalsertal, im Brandnertal und am Kristberg niederließen, hinterließen sie auch im oberen Montafon deutliche Spuren in der Rodungstätigkeit und im Baustil der Höfe.
Mit den Walsern etablierte sich die dauerhafte Bewirtschaftung höher gelegener Geländeterrassen. Die Montafoner Häuser wurden vornehmlich als Paarhöfe oder vereinigte Wohn-Stall-Bauten in Blockbauweise errichtet, mit steinernem Sockelgeschoss und holzverschindelten Obergeschossen. Das charakteristische Montafoner Schindeldach wurde mit gespaltenen Fichten- oder Lärchenschindeln gedeckt, die Wind und Wetter über Jahrzehnte trotzten.
Die Montafoner Dreistufenwirtschaft: Das Maisäß-System
Eine der bedeutendsten kulturhistorischen Errungenschaften der Region ist die sogenannte Dreistufenwirtschaft, die heute als immaterielles Kulturerbe der UNESCO gewürdigt wird. Um das knappe Weideland optimal zu nutzen, wanderte die bäuerliche Familie samt Vieh im Jahreszyklus über drei Höhenstufen:
- Talbetrieb (Mai und Winter): Der eigentliche Heimgarten im Talboden (ca. 950 bis 1.050 m) diente der Heuernte für den Winter und dem Wohnen in der kalten Jahreszeit.
- Maisäß bzw. Vorsäß (Frühsommer und Frühherbst): In den Höhenlagen zwischen 1.200 und 1.600 Metern lagen die Maisäße. Hierher zog das Vieh von Ende Mai bis Ende Juni und nochmals im September, um die ersten Gräser abzuweiden.
- Hochalpe (Hochsommer): Von Juli bis Ende August graste das Vieh auf den hochalpinen Almen der Silvretta auf über 2.000 Metern Seehöhe, betreut von Sennpersonal und Hirten.
Durch diese Wanderwirtschaft entstand die charakteristische Kulturlandschaft aus lichten Lärchenweiden, Trockensteinmauern und rustikalen Maisäß-Hütten, die bis heute das Landschaftsbild oberhalb von Gaschurn prägen. Die Architektur der Maisäß-Hütten zeichnet sich durch funktionale Einfachheit aus: Ein Wohnbereich mit offenem Herdfeuer, eine kleine Schlafkammer und ein angebauter Stall bildeten die funktionale Grundeinheit.
Die drei Stufen der Alpwirtschaft
Hier lagen Wohnhaus, Stall und die Versorgung über den Winter.
Der mittlere Aufenthaltsort verband Tal und Hochalpe während der Übergangszeiten.
Im Sommer wechselten Vieh und Bewirtschaftung in die höher gelegenen Weidegebiete.
Montafoner Tracht und lebendiges Brauchtum

Die Montafoner Tracht gehört zu den kostbarsten traditionellen Gewändern des Alpenraums. Charakteristisch für die Frauentracht ist das sogenannte Miedergewand aus schwarzem Wolltuch, verziert mit kunstvollen Gold- und Silberstickereien. Ein besonderes Merkmal unverheirateter Frauen war die Schappale, eine filigrane Krone aus Silber- und Goldfäden, während verheiratete Frauen eine runde Pelzkappe aus Fischotterfell (Marta) oder den zylinderförmigen Schnabelhut trugen.
Das Brauchtum ist bis heute fest im Jahresablauf verwurzelt. Am Funkensonntag nach Aschermittwoch werden riesige Holztürme abgebrannt, um den Winter auszutreiben. Im Juni leuchten zur Sommersonnenwende die Herz-Jesu-Feuer auf den schroffen Graten der Silvretta, und im September kehren die festlich geschmückten Rinder beim Alpabtrieb ins Tal zurück.
| Traditionelles Brauchtum | Zeitpunkt | Ablauf und rituelle Bedeutung |
|---|---|---|
| Funkenfeuer (Funkensonntag) | Erster Sonntag nach Aschermittwoch | Aufbau meterhoher Holztürme und Abbrennen zur Austreibung des Winters |
| Herz-Jesu-Feuer | Sonntag nach dem Fronleichnamsfest | Entzünden von Bergfeuern auf den Bergrücken und Graten der Silvretta |
| Alpabtrieb (Viehscheid) | Mitte September | Festlicher Abmarsch der geschmückten Rinder von den Hochalpen ins Tal |
| Erntedank und Kirchweih | Herbst (je nach Ortspfarre) | Prozessionen in traditioneller Montafoner Tracht mit Segnung der Feldfrüchte |
Wandel zur Tourismus- und Energieregion
Mit der Gründung des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins im späten 19. Jahrhundert setzte der alpine Bergtourismus ein. Pioniere wie der Bergsteiger Johann Storf erschlossen die Silvretta-Gipfel. Der Bau der ersten Schutzhütten (Wiesbadener Hütte 1896, Madlenerhaus 1884) schuf die Basis für die touristische Nutzung.
In den 1920er-Jahren transformierte der Beginn der Illwerke-Kraftwerksbauten die Region grundlegend. Viele Bergbauern fanden Arbeit beim Staudamm- und Stollenbau, wodurch moderne Technologie und alpenländische Lebensweise eine dauerhafte Symbiose eingingen. Die Eröffnung der Silvretta-Hochalpenstraße im Jahr 1954 und der Bau moderner Gondelbahnen markierten schließlich den Beginn des modernen Ganzjahrestourismus.